“Freedom, give it to me
That’s what I want now
Freedom, that’s what I need now
Freedom to live
Freedom, so I can give”
(Jimi Hendrix)
Das Streben nach Freiheit und Ungebundenheit kennzeichneten das Revival des Rock ‘n’Roll Ende der 60er Jahre. Woodstock lebte und war das Kult-Ereignis schlechthin. Jefferson Airplane, Jimi Hendrix, the Band und viele mehr eroberten die Herzen der Menschen. Die Gesellschaft war im Umbruch. Ein Hauch Ektase sowie ein Hauch Vollkommenheit machten die Mischung perfekt. Die Musik war das Sprachrohr des Volkes. Woodstock. Die Menschen wurden eingeladen eine neue Welt zu entdecken. Immernoch Woodstock. Man war eins mit der Musik und somit unsterblich. Was ist geblieben von dieser Zeit? Ist Musik immer noch unsterblich?
Wir schreiben das Jahr 2009. Die Musikalischen, politischen und gesellschaftlichen Umstände sind nicht mehr dieselben. Früher war es Vietnam, heute ist es die Finanzkrise. Einige schworen auf die Bibel, heute haben wir MTV. Die Musik ist schon lange nicht mehr der Schlüssel zur Unsterblichkeit. Der Mensch braucht „Unterhaltung“. Unterhaltung? Äähmm, was heisst Unterhaltung? Für die einen heisst es Party machen und für die anderen steht der musikalische Aspekt im Vordergrund. Einen Vergleich zwischen der ehemaligen Woodstock- und der heutigen Open Air SG Generation ist vielleicht ein bisschen waghalsig, aber trotzdem konnte ich mir einige Überlegungen nicht verkneifen. Es wäre mutig, das ganze mal richtig zu analysieren. Ein Buch zu schreiben wäre eine Möglichkeit. Aber es ist nicht meine Aufgabe, euch mit einem 599-seitigen Bericht zu erschlagen. Noch nicht. Lieber möchte ich euch einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt ermöglichen. Kleine verwirrte Gedankensätze serviert in verschiedenen Räumen meiner Hirngespinste, Sprünge zwischen den Zeiten und Musikepochen innerhalb dieser Welt und den dabei entstandenen Gefühlen. Bitte nicht drängeln und ja, lasst euch nicht verwirren. Eintritt auf eigene Gefahr!
Raum 1: Gestern und heute…
Die aktuellen Geschehnisse auf dieser Welt sind unberechenbarer den je. Klar ist aber, dass die musikalischen, politischen und gesellschaftlichen Umstände nicht mehr die selben sind wie zu jener Zeit. Unverkennbar ist auch, dass die Menschheit eine andere Auffassung von Musik hatte als heute. Dementsprechend liess man sich von den Festivals mitziehen oder eben auch nicht, man liebte oder hasste es. Vorallem hier, in den verschiedenen Meinungsauffassungen im Bezug auf Festival‘s, sind parallelen zu finden mit der heutigen Gesellschaft, wenn auch nicht in allen Bereichen. Zwei Festivals, zwei verschiedene Welten. Wann bitteschön kam die Einladung für das betreten der neuen Welt? Hab ich verschlafen?
Raum 2: Bye Bye…
Und heute? Der Mensch möchte “Party, Party, Party, geili Musik” heisst es in einem Kommentar. Eines ist klar, der Typ erhält keinen Nobelpreis für diese Aussage, da sind wir uns wahrscheinlich einig. Er ist wahrscheinlich auch nicht Janis Joplin‘s Sprachrohr aus dem Jenseits, sondern einer von vielen „Ich-pachte-das-Recht-für-die-Gesellschaft-Party-zu-definieren”- Typen. Entschuldigung, ich konnte mir ein Kopfschütteln nicht verkneifen als ich dies gelesen habe. Naja, genug Aussagekräftig war das ganze doch nicht. Seine eigene Auffassung für „Unterhaltung“ lass ich aber bleiben. Ist sein gutes Recht. Trotzdem, solche Pauschalisierungen leisten keinen Beitrag zur weiterführenden Toleranz in der Musikwelt und in der Gesellschaft. Er sagte, dass er nicht ans Open Air komme. Und wir sagen: Bye Bye und viel Spass bei deiner Party.
Raum 3: Woodstock und Baccardi Dome…
Weiter im Kontext. Objektiv betrachtet lässt das Open Air SG klar daraus schliessen, dass die Veranstalter den Mix angepeilt haben, die Kontinuität der Feststimmung auf dem Gelände aufrecht zu erhalten und dem leidenschaftlichen Konzertbesucher eine breite Palette an Liveperformances zu bieten. Eigentlich sollte niemand zu kurz kommen. Man fragt sich nun, ob die Bereitschaft ein Baccardi Dome in eine Open Air Gesellschaft zu platzieren eine vernünftige Massnahme ist die Bedürfnisse einiger Spassmacher zu befriedigen. Andere fragen sich: Ist das Rock ‘n’ Roll? Nein, bestimmt nicht liebe Leute, aber die Veranstalter werden sich einige Überlegungen sicherlich gemacht haben wieso dieses “Partyzelt” immer noch steht. Sei es auch nur der finanzielle Aspekt. Ja ich gebe es zu, ich bin im Herzen ein Hippie und würde am liebsten Woodstockähnliche Umstände am St. Galler Open Air haben. Seht ihr nicht die Plattensammlung an dieser Durchgangswand? Jedes Jahr ein neues Glück, ein neues Musikerlebnis. Jede Platte, ein weiterer Sinn zum Leben. Ist das nicht schön? Und beachtet bitte nicht nur den schönen Rahmen. Aber hey, solange mir das träumen nicht verboten wird, jongliere ich gerne mit solchen Sachen herum. Jedoch finde auch ich, das muss hier auch erwähnt werden, das die Stimmung am St. Galler Open Air einmalig ist. Unbestritten. Und das seit Jahren. Ein Dank gebührt auch dem wunderbaren Gelände. Und vergesst die Jasmin nicht! Wer sonst, darf mit 30‘000 Personen den Geburtstag feiern?
Raum 4: Schöne Momente…
Auf jedenfall darf auch ich dieses Gefühl der Einzigartigkeit miterleben und mich in Ektase tanzen sofern die Bands das einlösen, was ich erhoffe anzutreffen. Ein Hoch auf solche Glücksmomente (kläglicher Versuch von mir eine Schweigeminute einzulösen)!!! Aber wer kann das schon?
Raum 5: Weniger Halli Galli und ein bisschen mehr Nostalgie…
Auch ich kann mich dem Wandel der Zeit nicht entziehen und bin der medialen Unterhaltungswelt ausgesetzt wie ihr. Und vielleicht ist es auch gut so. Aber ein bisschen Nostalgie und Rock ‘ n‘ Roll hat noch niemanden geschadet, sowie ein bisschen weniger Halli Galli Verhalten bei einigen BesucherInnen auch nicht. Wie viele Konzerte und wie viele Partys für das menschliche Wohlbefinden nötig sind, muss jeder Open Air Besucher selber entscheiden oder herausfinden. Viele neue Erkenntnisse aus den Diskussionen im Bus hab ich jedoch nicht gewonnen. Schlussendlich drehen wir uns immer im Kreis. Die Pforten der Wahrnehmung sind in diesem Sinn noch nicht erreicht. Da braucht es ein bisschen mehr als nur “Party” und “nette Konzerte”. Der Rock ‘n’ Roll wird auch in Zukunft seine Geschichten schreiben. Da bin ich überzeugt. Ob mit oder ohne Baccardi Dome, Partybegeisterten Allzeitnörgelern oder allwissenden Musikpoeten. Ja, das ist halt unsere Welt.
Raum 6: Eine Vision, der Ausgang und Sweet Music…
Trotz der differenzierten Betrachtungsweise bezweifle ich, dass Jimi Hendrix seine Gitarre für die heutige Gesellschaft in Flammen stecken würde. Er sollte sie lieber mir schenken. Und mit Feuer spielt man nicht (steht das nicht auf der Zündhölzlipackung?). Eher würde er gekonnt am Baccardi Dome vorbeitrudeln, sich die Menschen ansehen und wieder zurückkehren, zu all den Göttern der Rockmusik, in seine Welt, die Welt der Einheit. Er würde sich zu Janis setzen und ihr sagen:
“Music, sweet music. I wish I could caress, caress, caress. Manic depression is a frustrating mess”
Man sollte auch ihn verstehen. Wirklich…
Vielen Dank für euren kurzen Besuch. Und vergesst beim hinauslaufen nicht, eure “Freiheit zu Denken” mitzunehmen. Dankeschön und bis bald.