Raphaela:
Da packten Herr Antonio und ich also unsere Klemmbretter, Füllfederhalter und all unser journalistisches Können und reisten ins Organisationsmekka der heutigen Spassgesellschaft. Wir wollten uns um einige schwerwiegende Fragezeichen vor unseren Köpfen erleichtern.
Antonio:
Wir staunten nicht schlecht, als wir in die neuen Open Air Räumlichkeiten eintrafen. An Platzmangel und wenig Getränken dürfte es den sympathischen Leuten dort sicherlich nicht fehlen. Man entschied sich dann für Ice-Tea und nahm dann gleich auf den Diskutier-Interview Sessel Platz. Bereit waren Stift und Block, bereit waren unsere Fragen und bereit war auch Christof Huber. Der Open Air Chef machte einen entspannten Eindruck. Man merkte, er war sich seiner Sache, seinen Antworten bewusst und es war wahrscheinlich nicht das erste, mal das er zu x-Fragen, x-Antworten geben mussten. Doch wir wollten Ihm trotzdem ein bisschen genauer auf den Zahn fühlen.
Die Frage nach den Organisationsschwierigkeiten fürs Open Air machte auf Huber wenig Eindruck, da er sich das gleiche (wahrscheinlich) schon im Schlaf vor Monaten gestellt hatte. Es lag auf der Hand, dass sich Musikmarkt einige Veränderungen durchmachen und musste und immer noch muss, und zwar in allen Bereichen. Seien es die Bedürfnisse und Erwartungen der FestivalbesucherInnen sowie die anhaltenden Folgen der gegenwärtigen Plattenkrise usw. Die Preise für die Bands seien enorm gestiegen, was sich dann schlussendlich auch auf die Ticketpreise ausgewirkt hat. Man liege aber immer noch im Open Air Durchschnitt was die Preise anbelangt. Die Konkurrenz schläft auch nicht. Da läuft doch noch was in England? Genau, das Glastonbury ist eines der grössten Open Airs überhaupt in England und in Europa. Das mit Abstand am meisten mit Prestige ausgezeichnete Open Air, kann es sich sogar leisten einen tieferen Ansatz für Bands zu bezahlen, wie sonst kein anderes Open Air. Das Festival ist schon ausverkauft bevor das Line Up überhaupt steht! Wir reden hier von einem Champions League artigem Level der Open Airs! Und diese Champions League Partie wird am gleichen Wochenende ausgetragen wie das OASG. Toll nicht?
Nun, was die Leute wahrscheinlich am meisten interessierte, war der Freitagabend-Headliner. Man wartete lange und gespannt auf die Bekanntgabe der Band. Man wartete und wartete, diskutierte über mögliche Bands und siehe da, plötzlich war er da, der Headliner, in der Form von Cypress Hill. Diese Bestätigung hat einige Gemüter erhitzt. “Was die, äähhm wow oder hää?” bis hin “Das ist nun ein Scherz, oder?”. Man erwartete alles und jeden, aber nicht Cypress Hill. Das Wieso, interessierte mich. Notlösung? Und Wen, wollte man eigentlich holen? Huber erwiderte, dass man am Anfang den Fokus auf andere Bands gesetzt hatte. Die Killers hatte man fast schon auf sicher. Anscheinend war der „Hyde Park“ doch interessanter als das OASG. Man vesuchte es mit Blur, die spielen ihr Reunion aber nur in England (auch am Glastonbury!) und Oasis hatten einfach keine Lust, keine Zeit oder was auch immer. Vielleicht gönnen sich die Brit-Rock Ikonen einfach nur ein gemütliches Wochenende, da sie am OASG-Weekend, an keinen Festivals teilnehmen werden. Radiohead war einfach zu teuer, das muss hier auch mal gesagt werden. Man diskutiere über die Doppelmoral von U2 und Radiohead, gönnte sich dabei einen Schluck Ice-Tea und schmunzelte. Etwas Frust war sicher auch dabei, aber okay. Man akzeptiere es. Der Wille war da, das ist unbestritten. Die Umstände liessen dies jedoch nicht zu, zum Frust einiger Open Air GängerInnen. Könnte man mit der grossen Kehle schwingen, wie zum Beispiel das Rock Werchter, welches von der Grösse (Anzahl BesucherInnen) etwa gleich gross ist wie das OASG, aber in etwa das achtfache Budget besitzen, könnte man das ganze auch anderst angehen. Die haben ein Line-Up da kann Mensch nur staunen wenn man es im Verhältnis zum Open Air SG sieht. Sei es nun so. Man orientierte sich neu, versuchte trotzdem ein vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen ohne Massenkommerzbands engagieren zu müssen. Man will sich schlussendlich auch treu bleiben. Die grossen Namen fehlen, dafür kann die Breite des Programms eine Qualität verschiedenster Musikgenres/-künstler aufweisen, welche für Überraschungen sorgen werden sagte Huber. Auch in 3 Jahren sollen die Leute vom unglaublichen Flaming Lips Konzert schwärmen und sich dabei Fragen:”Mein Gott, wieso hab ich die nicht vorher gekannt ?”. Die, brauchen zumindest keine 20 Lastwagen für ihr Musikequipment, um dann trotzdem von Umweltschutz und soziale Ungerechtigkeit zu singen. Jaja, so ist es eben. Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. Dankeschön Bertold Brecht. Auf jedenfall werden Cypress Hill für ein kräftiges Livekonzert sorgen ist sich Huber sicher. Der Sitterbühnenact konkurrenziere sich nun nicht mit den Yeah Yeah Yeahs! Das neue Album ist ja vielversprechend, sagen die Kritiker und ich sage, sie sind reifer geworden als im Vergleich zu ihrem älteren Album „Fever to hell“.
Raphaela:
Nach tiefgreifenden Diskussionen über die Sittertobelessenz wollten wir auch noch ein paar Gerüchte bestätigt oder eben auch dementiert haben. War an der Sache mit den Openairgründern ohne Gratistickets was dran? Herr Huber bestätigte dies soweit, tatsächlich bekamen die Sittertobelpioniere keine Gratistickets für die heutigen Festivals. Allerdings müsse man bedenken, dass die Anzahl Urväter, Gründer, Mitgründer, Mitglieder der Gründergruppe etc. allein schon das halbe Gelände füllen würden. Sporadischen Kontakt zu Fredi Geiger, dem offiziellen Erfinder dieses Volkfestes, sei aber da, und, so betonte Huber, er sei wirklich froh über die Akzeptanz und Neutralität, mit der Geiger der heutigen Form des Openairs begegne. Uns leuchtet ja ebenfalls allen ein, das früher alles besser war, nur will man das nicht jeden Tag hören – und diesen glorreichen Genies, welche auf die Idee unseres Hausopenairs kamen, werden wir immer und ewig dankbar sein.
Die Komiker, oder bessergesagt komischen Musikkünstler, die jedes Jahr traditionsgemäss das OASG heimsuchen, nahmen mich ebenfalls Wunder. Wie kam Herr Huber zu diesen, woher diese Tradition? Diese Frage war aber schnell erklärt. Da Herr Huber ausserhalb des OASG auch im Organisationsbereich tätig ist, kennt er viele dieser Künstler. Vielleicht mögt ihr euch noch an die Heubühne erinnern, auf der früher nur solche Artisten auftraten? Leider Gottes verkümmerte dieses Kulturobjekt, aber da man trotzdem eine gewisse Abwechslung und Artenvielfalt im Sittertobel beibehalten wollte, kommen jedes Jahr immer noch ein paar wenige Lachmacher, nur eben auf die Sternenbühne.
Bürointerne Fakten interssierten uns natürlich auch. Ich stelle mir nur vor, wenn ich an einem Openairlineup arbeiten müsste, und mein Mitarbeiter neben mir, hätte einen total abgefahrenen Musikgeschmack, der mir gar nicht passen würde… Aber Herr Huber kann mich beruhigen. Natürlich würden kleine Diskussiönchen entstehen, wenn es um Musik ginge, diese verlaufen aber immer ganz friedlich und tun dem Energiefluss im Organisationsbüro keinen Abbruch. Anscheinend gefällt dies Herr Huber ebenso wie mir, denn er verriet uns dass sein Ende als Openairboss noch nicht in Sicht sei… Mein Neid wurde noch ein wenig geschürt, als er uns eröffnete, welche Openairs er ausser das St.Galler sonst noch besuche. Das Gurtenfestival wird von einem Kollegen von ihm organisiert, deswegen wird er dort vorbeischauen, und dann regnete es Zauberwörter wie Glastonbury, Rock am Ring, *****,alles Festivals, die er schon besucht habe. So im Grossen und Ganzen eines bis zwei Schweizer Openairs, und sicher eines europaweit gäbe es schon pro Jahr. Herrjeh, was mussten wir auf unsere Unterkiefer aufpassen…
Antonio:
Mit Yuksek und Birdy Nam Nam habe man die Sparte Electro auch abgedeckt. Es sei klar, das dieses Musikgenre einen Platz auf sicher hat, da die letzten Festivals gezeigt haben, dass ein Bedürfnis da ist. Man sei zuversichtlich, dass diese beiden auch dieses Jahr für Freude sorgen werden am OASG. Ich liess mir dann die Frage nicht nehmen, was im Zusammenhang mit elektronischer Musik, der Baccardi Tempel noch am Open Air zu suchen hat. Genau dieser Tempel, spaltet die Gemüter vieler BesucherInnen und wo liegt die Grenze des Ertragbaren, warf ich Händefuchtelnd in die Runde. Trotz vieler Kritik erwiderte Huber, sei der Baccardi Dom ein Partyzelt und immer gut besucht. Es laufe zwar auch viel House aber man habe auch dieses Jahr geschaut, das zum Beispiel mit Mitsutek ein Lokalmatador der elektronischen Musik welcher für urbane Subkultur steht, den Laden mit speziellen Electrobeats zum kochen bringt. Gut gekontert Christof! Da hat er ein bisschen recht…
Raphaela:
Zum Schluss mussten wir natürlich den Guru unseres Sommerhighlights nach seinem ganz persönlichen Geheimtipp befragen. Eine Gruppe, die man unbedingt gesehen haben musste, waren die Flaming Lips, kam es wie aus der Pistole geschossen. Eine umwerfende Liveband, eine Riesenshow und eine ideale Spielzeit. Lange habe man gezögert, bis man es wagte, einen so kostspieligen, aber umso spannenderen Act nach St.Gallen zu holen, erzählte er uns. Nun ist es soweit, und Herr Huber rät uns allen, Samstags vor die Sitterbühne zu pilgern. Diesem Rat kommen wir liebend gerne nach, denke ich… Ebenfalls auf seine Topliste steht Peter Fox, da seine Liveshow einfach perfektioniert sei, mit so vielen Leuten auf der Bühne und trotzdem abgestimmt bis ins letzte Detail. Die Yeah Yeah Yeahs werden ebenfalls grossartig, betonte er noch, ebenso Biffy Clyro, Gaslight Anthem – äh – eigentlich alle. Man merkt, Herr Huber gehört zu den sogenannten Kampfopenairgängern, die kein Konzert verpassen wollen…
Raphaela und Antonio:
Huber ist ein abgeklärter Fuchs. Er machte seine Leidenschaft zu seiner täglichen Arbeit. Er hat Ideen und Visionen und muss sich von Jahr zu Jahr neu beweisen. Schwierigkeiten, Kritik und Enttäschungen gibt es immer wieder auf dem Weg, zur erfolgreichen Open Air Organisation. Aber haben wir das nicht alle im Leben? An dieser Stelle möchten wir uns für seine Arbeit bedanken. Sein Team und er, tragen zu dem bei, was wir schlussendlich anzustreben versuchen: 3 Tage Open Air, 3 Tage Musik und Freiheit, Freunde, Spass, Begegnungen und Freude…
Raphaela und Antonio